Klein Mädchen im roten Kleid: Ein Gedicht von Nazim Erdem
Klein Mädchen im roten Kleid
Vielleicht vier –
Vielleicht fünf
Still sitzt du
auf Trümmern
Armes Mädchen!
Wie traurig du bist!
Dein Schutzengel,
deine Mutter,
unter dem Schutt.
… Und du?
Du wartest,
versunken in dunklen
Gedanken
Wird die innere
Schwere vergehen?
Am Ende der Straße
zwischen den Ruinen
der erste Sonnenstrahl!
Deine großen
braunen Augen
erkunden die Ferne.
Im Herzen malst du
ein Bild des Glücks.
Stille?
Unruhe stört.
Bald ist es Tag!
Wird dich
mütterliches
Lächeln trösten?
Du umklammerst
die Hoffnung
Im Schatten einer Ahnung
schlägt dein Herz
Leise!
Nazim Erdems Gedicht ist in der aktuellen Ausgabe der Kulturzeitschrift BravDa (2026/1) erschienen, deren Schwerpunkt das Thema Gewalt ist. Was uns daran berührt: Es braucht keine großen Worte. Ein Kind, ein rotes Kleid, Trümmer – und die Frage, die offen bleibt. Das Gedicht nennt keinen Ort und keinen Krieg, und gerade deshalb passt es zu so vielen Bildern, die wir in den letzten Jahren gesehen haben. Am Ende steht kein Trost, sondern ein leiser Herzschlag. Und trotzdem: Hoffnung.

Über den Autor
Nazim Erdem: Geboren 1961 in Istanbul, wuchs in einer politisch engagierten Familie auf und entwickelte schon früh ein starkes Interesse an Literatur.
Seit Ende 1985 lebt er in Wien, studierte Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Wien und arbeitet seit vielen Jahren im sozialen Bereich mit Schwerpunkt Integration, Bildung, Chancengleichheit, gleiche Rechte und Antirassismus.
Ausgehend von seinem Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Wunsch, zu einer besseren Welt beizutragen, engagiert er sich aktiv in sozialen Projekten, beteiligt sich an der Gründung von Vereinen und setzt sich insbesondere für die Integration von Migrantinnen und Migranten sowie für gleiche Rechte ein. Darüber hinaus initiiert er Informations- und Aufklärungsarbeit, unter anderem durch die Herausgabe von Zeitungen. In Zusammenarbeit mit österreichischen Institutionen entwickelt er Lösungsansätze für gesellschaftliche Herausforderungen.
Seit 2014 ist er Integrationsbeauftragter der Stadt Wien.
Seit 2024 schreibt er literarische Texte mit Schwerpunkt Lyrik in deutscher und türkischer Sprache. Sein Themenkreis betrifft Probleme der Gesellschaft, persönliche Erfahrungen und das Leben zwischen verschiedenen Welten.
Erstveröffentlichung: BravDa 2026/1, S. 13





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